Der Glöckner von Notre Dame im Theater von Tampere

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Vor der Corona-Pandemie waren mehrere Musicalbesuche pro Jahr fester Bestandteil meines Lebens. Zu den Stücken, die mich besonders beeindruckt haben, zählt „Der Glöckner von Notre Dame“. Neben der Musik von Alan Menken war es vor allem die großartige Darstellung des Erzdiakons Frollo durch Felix Martin in der Stuttgarter Inszenierung, die mich die weite Anfahrt zwei Mal in Kauf nehmen ließ.

Es traf sich, dass besagtes Musical im September 2019 auch am Theater von Tampere seine Premiere feierte. Da ich mit der Handlung bereits vertraut war, schien mir der passende Zeitpunkt gekommen, um erstmals eine finnischsprachige Aufführung zu besuchen.

Das Theater von Tampere.

 

Bis auf die Sprache unterschieden sich die deutsche und die finnische Version kaum voneinander. Die Geschichte basiert auf dem Disney Zeichentrickfilm sowie der Romanvorlage von Victor Hugo, wobei die Bühnenfassung deutlich düsterer ist als besagter Kinderfilm. Das Stück thematisiert unter anderem die Ausgrenzung anders Aussehender und Minderheiten und verzichtet auf ein glückliches Ende.

Die Handlung rund um den gutmütigen, aber äußerlich entstellten Quasimodo spielt in Paris Ende des 15. Jahrhunderts. Tagein, tagaus beobachtet er von seinem Glockenturm in der Kathedrale Notre Dame das bunte Treiben der Stadt und wünscht sich, wenigstens einen einzigen Tag daran teilhaben zu können. Ermuntert von seinen einzigen Freunden, den Wasserspeiern, ergreift er am Drunter-Drüber-Tag seine Chance, sich unter das Volk zu mischen. Es kommt zu einer schicksalhaften Begegnung mit Esmeralda, die nicht nur Quasimodo, sondern auch seinem Ziehvater Frollo sowie Hauptmann Phoebus den Kopf verdreht. Frollos Besessenheit und Esmeraldas Weigerung, sich ihm hinzugeben, führen schließlich dazu, dass sie der Hexerei angeklagt und in der ganzen Stadt verfolgt wird. Die Konkurrenten Quasimodo und Phoebus müssen sich zusammenschließen, wenn sie Esmeralda vor dem Tod auf dem Scheiterhaufen bewahren wollen…

Das Musical startet mit dem Lied „Olim“ direkt mit einem musikalischen Höhepunkt: Glocken läuten, dann beginnt leise ein Chor zu singen, wird immer intensiver, bis schließlich das Orchester einsetzt und die Musik nahtlos übergeht zu „Der Klang von Notre Dame“ (Notre Damen kellot), in dem die Vorgeschichte zur eigentlichen Handlung vorgestellt wird. Mein Lieblingslied und absoluter Gänsehautmoment jeder Vorstellung ist Frollos Solo „Das Feuer der Hölle“ (Helvetin liekit). Auch das Finale des 1. Aktes gefällt mir gut: die ganze Stadt ist auf den Beinen, um Esmeralda zu suchen, und es passiert einfach unglaublich viel in jeder Ecke der Bühne. Weitere wichtige Lieder, in die es sich lohnt hereinzuhören (glücklicherweise gibt es eine CD-Aufnahme der deutschen Fassung) sind Quasimodos „Draußen“ (Tuolla) sowie Esmeraldas „Hilf den Verstoßnen“ (Auta, oi, Luoja).

Die nachfolgenden Beobachtungen beziehen sich auf die von uns besuchte Nachmittagsvorstellung vom 31.12.2019.

In der Inszenierung in Tampere unter der Regie von Georg Malvius wurden die Hauptrollen gespielt von Petrus Kähkönen (Quasimodo), Josefin Silén (Esmeralda), Ilkka Hämäläinen (Frollo) und Lari Halme (Phoebus). Alle Darsteller sowie das Ensemble lieferten eine durchgängig gute Leistung ab.

Wie es oft der Fall ist, war in Finnland alles eine Nummer kleiner als daheim in Deutschland. In den Saal passten deutlich weniger Zuschauer als ich es aus Stuttgart kannte. Dennoch mussten sich Bühnenbild und Kostüme keineswegs hinter dem verstecken, was größere Musical-Unternehmen in Deutschland bieten. Unsere Plätze in der dritten Reihe am linken Rand hatten uns jeweils 71 Euro gekostet. Von dort aus hatten wir eine gute Sicht auf das Geschehen.

Eintrittskarte fürs Musical.

 

In der Pause gab es die Möglichkeit, sich mit Kaffee und Kuchen für den zweiten Akt zu stärken. Natürlich wunderte es mich nicht, dass die Finnen sich auch im Theater an Kaffee genüsslich taten, auch wenn ich es aus Deutschland eher gewohnt bin, dass Besucher sich in der Pause ein Glas Sekt gönnen und wenn man Glück hat, gibt es noch eine Brezel auf die Hand.

Auch die Reaktion des Publikums unterschied sich meiner Meinung nach: Während in Deutschland nach den Liedern häufig frenetischer Applaus folgt, je nach Darsteller begleitet vom Jubeln der extra angereisten Fans, spendete das finnische Publikum kurz und höflich Beifall, der relativ schnell wieder zum Erliegen kam.

Natürlich wäre es gelogen, würde ich behaupten, ich hätte viel von den finnischen Texten verstanden, schließlich kann das selbst auf Deutsch manchmal schwierig sein. Das mag auch der Grund sein, warum mich die deutschsprachigen Varianten der Lieder mehr berührt haben. Nichtsdestotrotz war mein erster Musicalbesuch in Finnland ein besonderes Erlebnis – auch angesichts der Tatsache, dass es mir seitdem nicht mehr möglich war, in ein Theater zu gehen – und ich habe mir fest vorgenommen, bei Gelegenheit weitere finnischsprachige Aufführungen anzusehen.

 
Unsre Geschichte fing an und sie schließt mit den Glocken Notre Dames
Fragt uns nicht, ob es eine Moral gibt
Vielleicht kommt es darauf auch nicht an
Es bleibt eine Frage, die schwingt mit seither in dem Klang von Notre Dame:
Mensch oder Scheusal, wer ist jeweils wer?

(Finale Ultimo, Der Glöckner von Notre Dame Akt 2, Neuauflage von 2017)

 

 

 

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