4 Herausforderungen eines finnischsprachigen Deutschlernenden

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Wir können zwar oft die Erstsprache eines Sprechers anhand seines fremden Akzents erkennen, sind jedoch nicht unbedingt in der Lage genauer zu beschreiben, was er anders artikuliert. Kommt euch das nicht bekannt vor? Mit einigen Beispielen versuche ich nun etwas Licht ins Dunkel zu bringen, ohne dabei allzu wissenschaftlich zu werden bzw. auf die kleinsten Details einzugehen. Stattdessen denke ich im Folgenden gerne an meine eigene Schulzeit zurück und an all die Ereignisse, die ich habe erleben dürfen.

Im Prinzip haben finnischsprachige Deutschlernende mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, die für deutschsprachige Finnischlernende Schwierigkeiten bereiten. Dies hat damit zu tun, dass in allen Bereichen, in denen sich die Sprachen voneinander unterscheiden und eine Anpassung oder Neuorientierung nötig ist, häufig auch Probleme auftreten.

1. Grammatik

Finnische Muttersprachler brauchen die eigenartige Grammatik des Finnischen nicht explizit zu lernen. Daher haben sich zumindest die monolingual aufgewachsenen Schülerinnen und Schüler beim Schuleintritt noch nie großartig Gedanken über die verschiedenen Fälle und die Nominalflexion oder die Verbkonjugation machen müssen. Als erste Fremdsprache wird in Finnland in aller Regel Englisch gelernt, gefolgt von Schwedisch, welches nicht nur die zweite Landessprache, sondern für viele Schüler/innen de facto auch die zweite Fremdsprache ist. Diese beiden Sprachen zeichnen sich durch vergleichsweise einfache grammatikalische Strukturen aus, sodass die weiteren Schulfremdsprachen – sei es Deutsch, Französisch, Russisch oder irgendeine andere – von vielen Schülern zunächst oft als schwierig empfunden werden.

So können bereits die vier Kasus der deutschen Sprache Probleme bereiten; dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass das Finnische ganze 15 aufweist. Es ist gar keine Frage: die deutsche Nominalflexion ist komplex, doch wenn ich auf meine ersten Deutschstunden zurückblicke, muss ich schon ein wenig schmunzeln. Im Nachhinein und mit etwas Übung relativiert sich alles.

Auch die Verbkonjugation scheint auf den ersten Blick alles andere als einfach zu sein. Mein erster Deutschlehrer hat uns Schülern dazu interessante Merksätze beigebracht: „Ei Stiina tule“ (dt. „Stiina kommt nicht“) sowie „Entten, tentten (teelika mentten, hissun kissun, vaapula vissun)“ (das sind Anfangsverse eines Kinderreimes), also E – ST – T – EN – T – EN: ich gehE, du gehST, er/sie gehT, wir gehEN, ihr gehT, sie gehEN. Das muss man jetzt nicht verstehen, aber auf diese Weise haben meine Mitschüler und ich die Verbkonjugation damals gelernt.

 

2. Wortschatz

Der deutsche Wortschatz unterscheidet sich zwar grundlegend vom finnischen, aber da die Lernenden oft bereits Erfahrungen mit anderen germanischen Sprachen, d. h. mit dem Englischen und dem Schwedischen, gemacht haben, sehe ich das Pauken von Vokabeln nicht als größte Herausforderung. Die Lehrwerke in Finnland haben zudem in den letzten Jahren erfreulicherweise verstärkt damit angefangen, Schüler auf die sprachliche Verwandtschaft anhand von konkreten Beispielen aufmerksam zu machen.

 

3. Aussprache

Es ist wahrlich nicht einfach, als finnischer Muttersprachler Deutsch zufriedenstellend zu artikulieren (und andersherum übrigens auch nicht). Die Schwierigkeiten entstehen vor allem dadurch, dass das Deutsche wesentlich mehr konsonantische Laute aufweist als das Finnische.

Bei den Vokalen wird im Deutschen – im Gegensatz zum Finnischen – nicht nur nach Länge, sondern auch nach Qualität unterschieden. Ein Vokal kann somit oft sowohl geschlossen(er) als auch offen(er) ausgesprochen werden (vergleiche z.B. Ofen und offen). Da das Finnische diese Unterscheidung nicht kennt, fällt es vielen Finnischsprachigen schwer, hier zu unterscheiden; oft wird überall offen und mit zu wenig „Muskelspannung“ artikuliert.

Im Finnischen gibt es wiederum Geminaten, d. h. Doppelkonsonanten, auch gesprochen, was das Deutsche nicht kennt. Wenn ein finnischer Muttersprachler nun ein Wort wie „Matte“ sieht, neigt er oft dazu, das /t/ doppelt auszusprechen. Schwierig für ihn ist aber auch zu verinnerlichen, dass die einfachen Vokale, die den Hauptakzent tragen, in aller Regel lang ausgesprochen werden, wie beispielsweise bei „Käse“.

An diesem Beispielwort werden auch weitere Schwierigkeiten deutlich: Die fehlende Aspiration (Behauchung) im Finnischen führt dazu, dass sich das /k/ in den Ohren deutscher Muttersprachler fast wie ein /g/ anhört, auch wenn der Laut nicht stimmhaft ist. Das /ä/ wird ein finnischer Muttersprachler wahrscheinlich nicht nur als [æ] artikulieren, sondern aus den oben erläuterten Gründen viel zu kurz. Das /s/ wird im Finnischen immer stimmlos ausgesprochen (wie in Fass), also in diesem Fall falsch. Zu guter Letzt gibt es im Finnischen den sogenannten Schwa-Laut (für /e/) nicht. Ein deutscher Muttersprachler wird das /e/ am Wortende beinahe „verschlucken“, während ein Finnischsprachiger dazu neigt, es deutlich zu artikulieren. Das hat zur Folge, dass ein Wort wie „Käse“, welches aus lediglich vier Graphemen besteht, von einem finnischen Muttersprachler möglicherweise komplett falsch – alle vier Phoneme! – oder zumindest nicht der Standardlautung entsprechend artikuliert wird.

 

4. Schriftsprache vs. gesprochene Sprache

Auch ich habe das am eigenen Leib erfahren müssen – mit 17 Jahren war ich noch etwas naiv, als ich zum ersten Mal deutschen Boden betrat und mich zwei Wochen lang an den Aktivitäten und Gesprächen meiner Gastfamilie im Saarland beteiligen durfte. Es kam fast einem Schock gleich zu verstehen, wie ich mit meinem „Schuldeutsch“ und Selbststudium nicht wirklich in der Lage war, dialektal mehr oder weniger stark angehauchte Alltagsgespräche zu verfolgen. Es hat sich angefühlt, als hätten meine Bekannten untereinander eine ganz andere Sprache gesprochen. Inzwischen kenne ich mich mit dem Phänomen natürlich wesentlich besser aus und kann nachvollziehen, warum gerade in diesem familiären Kontext der eigene Dialekt verwendet wurde und wieso ich keine Chance hatte, mehr als schätzungsweise zehn Prozent von dem, was gesagt wurde, zu verstehen.

Das Gute an der ganzen Sache war, dass ich die anfängliche Enttäuschung und Verzweiflung in Positives umwandeln konnte und dass ich relativ schnell ein zunehmendes Interesse an Mundarten und sprachlichen Varietäten entwickelt habe. Ich habe auch angefangen, das Phänomen in meinem finnischsprachigen Umfeld zu stärker zu beobachten. Alles in allem war es daher gut, dass mir relativ früh klar wurde, wie sich Sprecher in ihrer Ausdrucksweise unterscheiden und bewusst sowie auch unbewusst ihre Art und Weise zu sprechen situationsbedingt anpassen.

Mit etwas Geduld und viel Übung kann man sich gesprochene Varietäten aneignen. Wie bei geschriebener Sprache die Vielfalt an verschiedenen Textsorten für gute Sprachkenntnisse ausschlaggebend ist, kann man sich meiner Meinung nach auch die freie Umgangssprache sowie generell die mündliche Kommunikation am besten aneignen, indem man sich möglichst viele verschiedene Gesprächssituationen anhört. Dazu gehören beispielsweise Nachrichtensendungen im Fernsehen, aber auch Face-to-Face-Kommunikation im Freundeskreis oder unter Familienangehörigen.

 

Mein Fazit

Aller Anfang ist schwer – auf den ersten Blick mag Deutsch schwer sein, doch mit Übung und vor allem richtiger Einstellung schafft auch ein finnischer Muttersprachler, ein akzeptables bis im Idealfall sehr gutes Niveau zu erreichen.

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