Wie man erfolgreich (nicht) Finnisch lernt

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„Ich habe mal angefangen, Finnisch zu lernen, aber inzwischen alles wieder vergessen.“

„Ich lerne seit x Jahren Finnisch, aber verstehe immer noch nichts.“

„Ich habe versucht, Finnisch zu lernen, aber es war zu schwierig.“

Kommen euch solche Aussagen auch bekannt vor? Ich beobachte ja immer gerne, wie andere Leute Finnisch lernen, und analysiere für mich, warum das entweder gut oder weniger gut klappt. Als eine Person, die sich hobbymäßig autodidaktisch Sprachen beibringt, habe ich auch die ein oder andere Ursache entdecken können:

 

Fehlender Bezug zur Sprache

Das vielleicht Wichtigste beim Sprachenlernen ist die Motivation. Man muss sich bewusst sein, dass es sich um einen langwierigen Prozess handelt: man muss bereit sein, sich über einen langen Zeitraum immer wieder mit der Sprache zu beschäftigen. Das kann nur gelingen, wenn man einen guten Grund dazu hat. Es muss nicht mal etwas Großes sein wie das Vorhaben, auszuwandern. Genau so gut kann die finnische Lieblingsband als Motivation dienen, weil man sich wünscht, die Liedtexte oder Interviews zu verstehen.

Sprachen stehen immer auch im Zusammenhang mit der Kultur und den Menschen des Landes, in dem sie gesprochen werden. Ohne ein gewisses Interesse daran wird es schwierig, ein hohes Sprachniveau zu erreichen. Wer schon immer einmal nach Finnland reisen wollte und sich deswegen mit der Sprache beschäftigt, ist bereits ein gutes Stück weiter als jemand, der mit Land und Leuten nichts am Hut hat.

 

Falsche Einstellung

Ja, wir haben es alle schon mal irgendwo gehört: Finnisch ist unglaublich schwierig. Das ist eine Ansicht, die ich nicht teile. Finnisch ist eine Sprache wie jede andere auch und es gibt keinen Grund, warum man sie nicht lernen können sollte. Man sollte das Erlernen nicht als Unmöglichkeit betrachten, sondern als Herausforderung. Es schadet natürlich nicht, sich bewusst zu machen, dass das Lernen einfach eine Weile länger dauern wird, als wenn ich als Deutscher beispielsweise Englisch lerne.

Wenn Finnen es schaffen, fließend Deutsch zu lernen, gibt es keinen Grund, warum deutsche Muttersprachler nicht in der Lage sein sollten, Finnisch zu beherrschen. Ich würde daher jedem, der finnische Freunde, Partner oder Familie hat, dazu raten, mit diesen Personen auch auf Finnisch zu kommunizieren. Für mich persönlich käme es nicht in Frage, dass mein Partner sich die ganze Zeit nur auf Deutsch mit mir verständigen kann, selbst wenn er es nahezu perfekt spricht. Menschen drücken sich anders und differenzierter aus, wenn sie ihre Muttersprache verwenden können, und mir ist es wichtig, auch diese Seite kennenzulernen.

 

Keine Eigeninitiative

Es ist ein Irrtum zu denken, dass der Lehrer im Sprachkurs uns die Sprache beibringt. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Im Kurs wird einem lediglich der Rahmen geboten, um die Sprache anzuwenden, sich mit anderen auszutauschen, Fragen zu stellen oder etwas erklärt zu bekommen. Finnisch lernt sich nicht dadurch, dass man einmal in der Woche für zwei Stunden einen Kurs besucht und – wenn man fleißig ist – seine Hausaufgaben macht. Das eigentliche Lernen erfolgt zwischen den Unterrichtsstunden, indem man den Stoff wiederholt oder selbstständig Übungen macht.

Übungen kann dabei ein weit gefasster Begriff sein. Ihr findet dieses eine finnischsprachige Lied gut? Super, dann lest euch den Text samt Übersetzung durch oder erstellt selbst eine. Ihr steht total auf Zimtschnecken? Dann sucht euch ein finnischsprachiges Rezept heraus und backt damit, anstatt ein deutschsprachiges zu verwenden. Die Hauptsache ist, dass es Spaß macht und man nicht darauf wartet, alles im Unterricht vorgekaut zu bekommen.

 

Keine Kontinuität und Praxis

Wie bereits erwähnt ist das Sprachenlernen eine Art Langzeitprojekt, das nie fertig wird. Es ist wichtig, sich auch zwischen den Unterrichtseinheiten damit zu beschäftigen. Dabei ist es effektiver, jeden Tag fünf Minuten zu investieren, als ein Mal in der Woche mehrere Stunden am Stück zu büffeln. Wer in den Ferien nie in Berührung mit der Sprache gekommen ist, braucht sich nicht zu wundern, dass er „alles vergessen hat“. Niemand erwartet, dass man ständig seine Nase im Finnischbuch hat, schließlich gibt es auch anderes zu tun. Trotzdem ist es wichtig, am Ball zu bleiben, um seinem Gehirn zu signalisieren, dass Finnisch noch wichtig ist und nicht in eine Ablage mit der Aufschrift „Unnützes“ verschoben werden sollte.

 

Mangelndes Selbstvertrauen

Es gibt Menschen, die bereits seit Jahren Finnisch lernen und sich auf einem mittleren Sprachniveau befinden. Aus irgendwelchen Gründen – sagen wir mal, Unterrichtsausfall durch eine Pandemie – gerät der Lernprozess ins Stocken. Nach einer Weile ist man dann der Meinung, man habe „alles vergessen“. Ich bin mir sicher, viele haben diesen Satz schon einmal selbst in den Mund genommen, zum Beispiel, um zu erklären, dass vom Schulfranzösisch nichts mehr übrig ist. Ich halte das in den allermeisten Fällen für nicht zutreffend. Wenn man erst einmal eine Sprache bis zu einem guten mittleren Niveau gelernt hat, vergisst man sie nicht einfach komplett. Man ist vielleicht nicht spontan in der Lage, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden, aber indem man sich der Sprache aussetzt, kann das bereits vorhandene Wissen wieder aktiviert werden.

Niemand muss also, nur weil er eine Lernpause eingelegt hat, wieder in einen A1 Kurs einsteigen. Auf den ersten Blick mag das bequem erscheinen und wie eine gute Wiederholung. Ich halte es eher für eine Art, sich selbst auszubremsen.

Ich gebe zu, mangelndes Selbstvertrauen ist etwas, von dem ich mich selbst nicht freisprechen kann. Der wichtigste Grund, warum ich meinem Empfinden nach nicht in der Lage bin, fließend Finnisch zu sprechen, ist, dass ich mich nicht traue. Wenn ich mit einem Muttersprachler reden soll und mir vorkomme wie ein Depp, weil ich um die passenden Worte ringe, ist das ein unangenehmes Gefühl. Man sagt mir immer, sprechen würde man durchs Sprechen lernen. Ich schätze, da ist etwas dran und wir als Lernende müssen in den sauren Apfel beißen.

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